Nur nicht aufgeben

Nach einem Verkehrsunfall lag Bernd Fischer* mehr als zwei Jahre in Erfurt im Krankenhaus. Nach diversen Stationen ist er während der Arbeit in einer Drückerkolonne in Köln gestrandet. Auch nach 20 Jahren Arbeitslosigkeit gibt er nicht auf und macht eine Umschulung zum Einzelhandelskaufmann.

Seinen Abschluss an einer Polytechnischen Oberschule konnte Bernd Fischer (48) noch machen, bevor er 1984 seinen schweren Verkehrsunfall mit dem Motorrad hatte. Ungezählte Brüche und fehlende Knochenteile sowie der Verlust von fünf Liter Blut waren die Folge. „Nach zweieinhalb Monaten im Koma haben mir die Ärzte keine Chance mehr gegeben“, erzählt er. Zwei Jahre Krankenhausaufenthalt folgten. Viele Wunden sind nach 32 Jahren verheilt, andere sind geblieben: Nicht alle Brüche sind ordentlich zusammengewachsen, das rechte Auge ist erblindet, das Sehfeld des linken eingeschränkt und seinen Geruchssinn hat er verloren.

Trotz dieser Einschränkungen konnte Bernd Fischer von 1986 bis 1988 eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann in der DDR abschließen, die nach der Wende allerdings nutzlos war: Die meisten Unternehmen bauten Beschäftigte ab oder gingen gleich in die Insolvenz. Seine DDR-spezifischen Qualifikationen waren in der neuen Arbeitswelt nicht gefragt. Es folgten diverse Jobs, unter anderem als Lager- und Transportarbeiter, beim Zirkus und zwei Jahre in einer Drückerkolonne. Zwar wurden ihm – wie bei anderen Drückerkolonnen üblich – die Papiere nicht abgenommen, abends wurde er aber mit seinen Kolleginnen und Kollegen im Hotel eingeschlossen.

Gestrandet in Köln

„1991 konnte ich endlich abhauen“, erzählt Bernd Fischer „Dass es in Köln war, ist Zufall.“ Sechs Jahre hat er dann in einem Mehrbettzimmer im Johannishaus in der Annostraße gewohnt. Das ist ein stationäres Hilfeangebot für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten. Getrunken wurde dort viel, getrunken hat er allerdings schon vorher. Nach 32 Jahren hat er 2010 von einem Tag auf den anderen damit aufgehört und unter ärztlicher Kontrolle eine Entgiftung gemacht. „Zuletzt habe ich 700 Euro im Monat vertrunken“, erzählt er. „Das Geld war weg und eine eigene Wohnung habe ich auch nicht auf die Reihe bekommen.“ Sechs Jahre ist er inzwischen trocken und stolz darauf.

Der Alkohol war auch der Grund, warum er eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann in einem Baustoffhandel in Köln nicht abschließen konnte. Allerdings hat er in der Zeit der Ausbildung zufällig eine eigene Wohnung bekommen. Ein Kunde hat ihn angesprochen und sie ihm günstig angeboten. „Das war wie ein Sechser im Lotto für mich.“ Inzwischen hat er die Wohnung renoviert, Bekannte und Freunde haben ihm bei der Einrichtung geholfen.

Arbeitslos ist Bernd Fischer seit 1996 gemeldet. Seitdem hat er diverse Weiterbildungen und Praktika in der Bauhandelsbranche absolviert. Daneben hat er ehrenamtlich in einer Lebensmittelausgabe gearbeitet und macht das immer noch. Alle Bewerbungen in den letzten 20 Jahren waren erfolglos. „Nach der 50. Absage war meine Motivation am Ende.“

Perspektive Einzelhandel

Im Rahmen des Projektes „MitArbeit! In Köln.“ hat Bernd Fischer unter anderem eine Leistungsdiagnostik beim Zentrum Bildung und Beruf Michaelshoven absolviert. Die Empfehlung: Eine Beschäftigung, bei der er abwechselnd sitzen und stehen kann, und auf Grundlage seiner bisherigen Qualifikationen und Erfahrungen im Industrie- oder Baustoffhandel. Weil ihm dazu die formalen Voraussetzungen und inzwischen auch Berufserfahrung fehlt, wird er im Berufsförderungswerk Köln eine Umschulung zum Einzelhandelskaufmann machen: 24 Monate mit IHK-Prüfung. „Das werde ich durchziehen, weil ich bei ‚MitArbeit! In Köln.‘ gesehen habe, dass auch andere so etwas geschafft haben.“

Ein anderes Hindernis für die berufliche Perspektive Einzelhandel musste allerdings noch überwunden werden: „Mit meinen Zähnen stellt mich niemand für den Verkauf ein“, weiß Bernd Fischer. Durch seinen Unfall fehlen etliche und die restlichen hat er wegen einer Zahnarzt-Phobie vernachlässigt. Mit der Aussicht auf die Umschulung konnte er die Phobie überwinden. Auch sein Jobcoach Barbara Neumann hat ihm immer wieder die Angst davor genommen und ihn motiviert. „Solche Angebote bringen immer etwas, weil es immer neue Entwicklungen gibt und man manches auch vergisst“, bilanziert er seine Erfahrungen mit dem Projekt „MitArbeit! In Köln.“.

* Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Wir nennen ihn deswegen Bernd Fischer.

MitArbeit! In Köln.